Studia Osteoarchaeologica 1

Die Skelettfunde aus dem Bereich
der ehemaligen St. Veit Kirche zu Bremen
mit einem Beitrag von Jörg Ewersen; Tiere zwischen Menschen.
Die Tierknochenfunde von Bremen - St. Veit.
Göttingen 2011. 152 Seiten
Summary see below
Im Jahre 1986 wurden auf einem rezenten Bremer Friedhof aus einem Konvolut von Knochen die vermeintlich besser erhaltenen Skelettteile geborgen. Das Material stammt aus dem unmittelbaren Umfeld der Kirche Unser Lieben Frauen (vormals St. Veit Kirche) in der Bremer Innenstadt und wird naturwissenschaftlich vor allen in den Zeitraum vom 9. bis 11. Jahrhundert n. Chr. datiert. Die Skelettreste dürften einem historisch bekannten Beinhaus zuzuordnen sein und wurden bereits in vergangenen Jahrhunderten mehrfach umgelagert. Somit ist der Individualzusammenhang nachhaltig gestört. Aufgrund der am häufigsten im Material vorkommenden Skelettteile (Schädel und rechte Femora) wird unter Berücksichtigung der Alters- und Geschlechtsausprägungen eine Mindestindividuenzahl von 79 Personen ermittelt. Sie teilen sich in 15 Subadulte und 64 Erwachsene auf, beiden denen ein leichtes Überwiegen des männlichen Bevölkerungsteils nicht von der Hand zu weisen ist. Wie häufig bei (prä-) historischen Populationen erscheint die Altersklasse der Kleinstkinder unterrepräsentiert. Ihr Anteil wird anhand der UN-Modellbevölkerungen ermittelt, so dass wir für die Berechnung der demographischen Parameter auf die Werte von insgesamt 106,81 Individuen zurückgreifen. Die Lebenserwartung bei der Geburt beträgt rund 31 Jahre, während ein zwanzigjähriges Individuum noch etwa 27 Jahre Lebenszeit erwarten konnte. Die daraus ablesbaren Lebensbedingungen liegen leicht über dem Durchschnitt zeitgleicher Bevölkerungen. Bei der Rekonstruktion einer Lebendbevölkerung fällt der aus heutiger Sicht hohe Anteil von Kindern und Jugendlichen auf (47,4 Prozent), der sich aber an den Befunden aus Ländern der sogenannten Dritten Welt rasch relativieren lässt.
Die osteometrischen Befunde sind weitestgehend nicht durch den fehlenden Individualzusammenhang beeinträchtigt. Zunächst wird die Stellung der Stichprobe von Bremen St. Veit im Kontext zu anderen Skelettfunden aus Bremen betrachtet. Eine Ähnlichkeit zu den Funden von der Domdüne wird erst bei Einbeziehung der Körperhöhe offenbar. Die diachronen Veränderungen geben ein Streiflicht auf die körperliche Entwicklung einiger Messgrößen in der Hansestadt und fügen sich gut in das allgemeine Erwartungsbild europider Bevölkerungen ein. Von besonderem Interesse erscheinen dabei die Hochrechnungen für die rezente Zeit (z.B. bei der Körperhöhe). Mit Hilfe der zehn am häufigsten vertretenden osteometrischen Größen des Schädels wird in einem multivariatstatistischen Ansatz versucht, die bevölkerungsbiologische Stellung der Männer von Bremen St. Veit innerhalb von 39 mittelalterlichen Populationen Europas zu ermitteln. Zunächst ergibt sich kein biologisch-historisch interpretierbares Ergebnis, so dass die Anzahl der berücksichtigten Variablen mehrfach vermindert und variiert wird, ohne jedoch zu einer nennenswerten Veränderung der Resultate zu gelangen. Stochastische Elemente oder fehlende Diversität dürften dafür verantwortlich sein. Durch Vernachlässigung des Mindestbeobachtungsumfanges kann die Zahl der Vergleichsstichproben auf 73 Bevölkerungen gesteigert werden. Es werden dann zwar Gruppierungen erkennbar, die aber bei näherer Betrachtung doch wieder stochastische Elemente offenbar werden lassen. Auch wenn die Bremer Stichprobe St. Veit ihre größte Ähnlichkeit in der Serie Haithabu findet, wird die derzeitige Forschungsmeinung der schlechten Trennbarkeit von Germanen und Slawen als Kennzeichen frühmittelalterlichen Materials bestätigt. Die historisch bekannten Zuwanderungen von Holländern und Westfalen kann aufgrund der bisherigen Quellenlage naturwissenschaftlich nicht nachgewiesen werden, so dass die oben revidierte Ansicht Virchows zu einem sächsisch geprägten Bevölkerungsgemisch für die „alten“ Bremer weiterhin Bestand haben mag.
Bei der Betrachtung pathologischer Veränderungen stand nicht das einzelne Individuum im Vordergrund, sondern die Aussagen werden im epidemiologischen Sinne auf die damalige Bevölkerung ausgerichtet. Material- und befundbedingt ist der Auswertungsrahmen eingeschränkt. Neben Frakturen und arthrotischen Veränderungen an den großen Längsknochen wird eine Reihe von Befunden am Schädel – insbesondere am Gebiss – mengenstatistisch ausgewertet und im osteoarchäologischen Sinne verglichen. Die arthrotischen Belastungen der Stichprobe Bremen – St. Veit ähneln denen der Individuen aus dem Schleswiger Dominikanerkloster. Der Anämie-Befund – hier belegt durch Cribra orbitalia – fügt sich unauffällig in den mittelalterlich-europäischen Rahmen ein. Geradezu optimal entspricht die Höhe der Kariesfrequenz dem Mittelwert der gegebenen Zeitstellung (vgl. Abb. 34), während die Kariesintensität etwas ungünstiger ausfällt. Ebenfalls schlechter als bei den Vergleichsserien fällt die Belastung mit parodontotischen Veränderungen aus (vgl. Tab. 13). Insgesamt gesehen entspricht der Gesundheitszustand der vorliegenden Stichprobe der gegebenen Zeitstellung und wir dürften einer ländlich geprägten bis frühstädtischen Bevölkerung gegenüber stehen. – Mit der Betrachtung epigenetischer Merkmale (Diskreta) wird nicht nur für den norddeutschen Raum weiteres Quellenmaterial vorgestellt, sondern es ergeben sich bereits Ansätze für bevölkerungsspezifische Besonderheiten. Mit der vorliegenden Studie wird gezeigt, wie eine nicht nur zeitaufwendige Untersuchung in der Lage ist, kulturgeschichtlich vermeintlich irrelevantem und zudem schlecht geborgenem menschlichen Skelettmaterial wesentliche Erkenntnisse zu entlocken, um so eine Bevölkerung dem Vergessen zu entreißen.
Schlüsselwörter: Bremen, Unser Lieben Frauen Kirche, Osteoarchäologie, menschliche Skelette, Demographie, Osteometrie, Bevölkerungsbeziehungen, Epigenetik, Paläopathologie: Fraktur, Arthrose, Cribra orbitalia, Zähne, Karies, Parodontose, Abszess, Zahnstein; Tierknochen.
Reclaiming the Forgotten
Human remains from the area of the former St. Veit church at Bremen
Summary
During an excavation at a contemporary cemetery in Bremen in 1986, the better preserved skeletal remains were recovered from a large amount of convoluted bones. The material was recovered for the first time in the vicinity of the Unser Lieben Frauen (formerly St. Veit’s) church in the Bremen city centre, and has been dated by radiocarbon analyses to a period spanning the 9th to the 11th centuries A.D. The skeletal remains are probably linked to an ossuary known from historical sources and were relocated several times in the past centuries. As a consequence, the individual context of all skeletons has been disrupted. Using the skeletal parts which were found most often (skulls and femurs), the number of individuals was assessed to be at least 79, taking the characteristics of age and sex into account. These are distributed among 15 juveniles and 64 adults, with a slightly larger proportion of males. As is often the case with (pre-)historic populations, the age group of the youngest children seems to be underrepresented. Their proportion was calculated using UN model populations, and as a consequence we have used the characteristics of a total of 106.81 individuals when calculating the demographic parameters. Life expectancy at birth was around 31 years, while a 20-year-old individual could expect to live another 27 years. The general living conditions suggested by this are slightly above average compared to contemporary populations. By modern standards, the reconstruction of a living population includes a remarkably high proportion of children and youths (47.4%); this can, however, be put into perspective by comparing this with data from so-called third world countries.
Osteometric data are largely unaffected by the lack of individual contexts. The sample gathered at the Bremen – St. Veit site is then examined in the context of other skeletal finds from Bremen. A similarity to finds at the Domdüne only becomes apparent when the body height is considered. The diachronous changes throw a spotlight on the bodily development of measured sizes in Bremen and sit well with what would be expected of European populations for medieval times. Extrapolations into recent times, for example for body height, appear of interest. Using the ten most frequently observed osteometric skull sizes, the biological status of the males found at Bremen – St. Veit are compared to 39 medieval European populations using a multivariate statistical approach. This does not produce a result that is interpretable from a historical-biological perspective; the number of variables used are reduced and altered in several steps without producing any particular change in the results generated. This is probably due to extrapolations or to a lack of diversity. If the minimum range of analyzed data is ignored, the number of comparative samples can be increased to 73 populations. Although groups become recognizable, they also show the effect of stochastic processes when analyzed in more detail. Despite the fact that the St. Veit sample bears the most resemblance to the Haithabu series, current scientific thinking on the lack of clear distinction between Germanic and Slav peoples as a distinctive characteristic of early medieval material is confirmed. Taking the nature of hitherto known sources into account, the historically documented immigration from Holland and Westphalia cannot be scientifically proved. The result is that Virchow’s view, modified above, of a mixed population with Saxon characteristics may still have currency for the “old” Bremen population.
The analysis of pathologic changes did not focus on the individual. Instead, the results are applied to the population of the time in an epidemiological context. The analytical range is constrained by both the material assessed and by the archaeological situation. A range of findings is statistically analyzed, including fractures and arthritic processes seen in the joints of long bones as well as findings seen in the skulls, especially dental remains. The arthritic conditions examined here resemble those observed at the Dominican monastery in Schleswig. The findings of anemia, proved through cribra orbitalia, are compatible with other findings from medieval Europe. The frequency of tooth decay fits especially well into the average for the period (cf. Fig. 34), while the intensity of the tooth decay does not fit quite as well. Also at variance with the comparative series is the incidence of periodontosis (cf. Table 13). Overall, the state of health of the population of Bremen – St. Veit conforms to expectations for the period. The population is assumed to be mainly rural or early urban. The analysis of epigenetic variants (discrete morphological traits) not only presents additional material for Northern Germany but also provides foundations for approaches that show population-specific distinctions. The study presented here shows that research conducted in a way that is not only time- but also resource-intensive can yield significant results from skeletal material that is not only deemed irrelevant from the perspective of cultural history but also poorly excavated. In so doing, the results prevent a population from being forgotten.
Keywords: Bremen, Church of Our Lady, human skeleton, demography, osteometrics, population relationships, epigenetics, paleopathology: fractures, arthritis, cribra orbitalia, teeth, caries, periodontal disease, dental abscess, dental calculus as well as animal bones.