Studia Osteoarchaeologica 5 - Caselitz-EU

Dr. Peter Caselitz
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Studia Osteoarchaeologica 5

Unter einer Million Füßen
Die Skelette vom Hamburger Hauptbahnhof

Göttingen 2020. 216 Seiten
Summary see below
Am 26. Januar 1978 konnte auf einer Baustelle am Hamburger Hauptbahnhof menschliches Skelettmaterial geborgen werden. Es entstammt einem einstmals vor den Stadttoren gelegenen Friedhof des St. Jacobi-Kirchspiels, der zwischen 1793 und 1878 benutzt wurde. Da die Bergungsarbeiten unter enormen Zeitdruck – bedingt durch die fortlaufenden Baumaßnahmen – standen, wurden primär nur die aussage­kräf­tigsten Teile der Skelette (Schädel, Längs- und Beckenknochen) gesichert. Neben 30 in situ an­getroffenen Bestattungen konnte der Individualzusammenhang von 14 weiteren Be­stattungen rekonstruiert werden, deren Skelettreste sich zumeist im Aushub der Bau­stelle fanden. Insgesamt handelt es sich um 44 Individuen, die sich in 18 Männer, 24 Frauen und zwei Kinder aufteilen. Der höhere Anteil der Frauen ist zufallsbedingt. Die ungewöhnlich geringe Zahl der Subadulten ist auf die Bergungsbe­din­gungen zurückzu­führen. Der Anteil der fehlenden Kleinstkinder wird anhand der UN-Modell­­bevöl­ke­rungen ermittelt und hinzugerechnet, so dass wir bei der Berechnung der demo­gra­phi­schen Para­meter auf die Werte von insgesamt 54,6 In­di­viduen zurück­grei­­fen. Die Lebens­­­erwartung bei der Ge­burt beträgt 39,30 Jahre, während ein zwanzig­jähriges Indi­viduum noch fast 31 Jahre Lebens­zeit erwarten konnte. Zwanzigjährige Frauen hatten gegenüber ihren männlichen Altersgenossen eine um rund zwei Jahre geringere Lebens­erwartung. Dieser Nachteil kehrt sich ab dem fünften Lebensdezennium um.
Die Körperhöhenschätzung für die Männer vom St.-Jacobi Kirchspiel beträgt 170 ± 1 cm, während die Frauen rund zwölf Zentimeter kleiner waren (157 ± 1cm). Mit Hilfe von zehn osteo­metrischen Größen des Schädels wird in einem multi­variat­sta­tistischen Ansatz erstmalig die be­völ­ke­rungs­biologische Stellung von Frauen inner­halb von 138 neuzeitlichen Popu­la­tionen Europas untersucht. Es werden sechs Gruppie­run­gen ermittelt. Die Frauen des St.-Jacobi Kirchspiels fügen sich in ein nordeuro­pä­isches Cluster ein, dessen Verbreitung sich von London über Nord­deutsch­land und Skan­dina­vien bis ins westliche Baltikum er­streckt und auch Anklänge an Serien von der Ibe­ri­schen Halbinsel zeigt. Die engsten direkten Ver­bindungen der vorgestellten Ham­burger Bevölkerung weisen nordwärts bis ins südliche Norwegen und nordwestliche Pom­mern/Polen. Ähnlich­keiten in den südost­euro­pä­ischen Raum sind weitgehend aus­zu­schließen.
Bei der Betrachtung pathologischer Veränderungen stand nicht das einzelne In­di­­vi­duum im Vordergrund, sondern die Aussagen werden im epidemiologischen Sinne auf die damalige Bevölkerung ausgerichtet. Material- und befundbedingt ist der Aus­wertungsrahmen einge­schränkt. Neben arthrotischen Veränderungen an den großen Längs­kno­chen wird eine Reihe von Befunden am Schädel – insbesondere am Gebiss und knöchernem Augendach – und an der Wirbelsäule mengen­sta­tis­tisch ausge­wer­tet und im osteoarchäologischen Sinne – auch in diachroner Dimension – ver­glichen. Er­gän­zend erfolgt die Vorlage einiger besonderer Befunde (Sektionsschnitt an einem Schädel, kongenitale Syphilis und versteiftes Ellenbogen­gelenk). Die Betrachtung der pathologischen Erscheinungen führt in ihrer Gesamtheit zu der hypothe­ti­schen An­nahme einer körperlich arbeitenden Bevölkerung, die allenfalls am unteren Rand einer städtischen Mittelschicht anzusiedeln wäre.
Die neuzeitliche Zeitstellung verhinderte lange Zeit die nunmehr erfolgte wis­sen­­schaft­liche Bear­bei­tung. Mit der vorliegenden Studie wird ge­zeigt, wie eine nicht nur zeitaufwendige Un­tersuchung in der Lage ist, kultur­- und bevöl­ke­rungsge­schichtlich vermeintlich irre­levantem menschlichem Ske­lett­material wesent­liche Erkenntnisse zu entlocken.

Schlüsselwörter: Hamburg, Osteoarchäologie, menschliche Skelette, Demographie, Osteometrie, Bevölkerungsbeziehungen, Epigenetik, Paläopathologie: Fraktur, Arthrose, Cribra orbitalia, Zähne, Karies, Parodontose, Abszess, Zahnstein, Wirbelsäule, Spondylose, Spondylarthrose, Schädel-Autopsie, kongenitale Syphilis und versteiftes Ellenbogen­gelenk
 

 
Under a Million Feet
Human Skeletons from Hamburg’s Central Station
Summary
On 26 January 1978, human skeletal material was recovered from a construction site at Hamburg's main railway station. It originates from a cemetery of the St. Jacobi parish. This graveyard was once located outside the city gates and was in use between AD 1793 and 1878. The salvage work was carried out under enormous time pressure – due to the ongoing construction work. Therefore, only the most significant parts of the skeletons (skull, limb bones and pelvic bones) were primarily secured. In addition to 30 burials found in situ, it was possible to reconstruct the individual context of 14 further persons, whose skeletal remains were mostly found by construction workers and were put in the soil rubbish. In total, the material comes from 44 individuals, divided into 18 men, 24 women and two subadults.
The body height estimate for the men from the St. Jacobi parish is 170 ± 1 cm, while the women were about twelve centimetres shorter (157 ± 1 cm). Ten osteometric sizes of skull were examined in order to place the population-biological position of women of the St. Jacobi parish in the context of 138 modern European populations using a multivariate statistical approach. Six clusters are identified. The women of the St. Jacobi parish fit into a Northern European cluster, whose distribution extends from London across Northern Germany and Scandinavia to the Western Baltic and also shows connections to series from the Iberian Peninsula. The closest direct connections of the Hamburg population of the St. Jacobi parish extend northwards to southern Norway and eastwards to north-western Pomerania/Poland. Similarities to the south-eastern Euro­pean region can largely be excluded.
When considering pathological changes, the focus was not on the individual, instead the statements are presented in an epidemiological sense relating to populations in the period AD 1750 to 1900. The scope of evaluation is limited due to material and findings. In addition to arthritic changes in the large limb bones, a number of findings in the skull – especially on the dentition and bony roof of the eye – and on the spinal column will be quantitatively and scientifically evaluated and compared in an osteoarchaeological sense – including the diachronic dimensions in postmedieval times. In addition, some special findings were presented (dissection of a skull, congenital syphilis and stiffened elbow joint). In their entirety, the observed pathological phenomena allow a hypothetical assumption of a physically working population, which would at best be located at the lower edge of urban middle class.
For a long time, the postmedieval date prevented the scientific investigation. Here, an osteoarchaeological analysis of a subrecent population is presented for a series from Germany. The present study shows how a not merely time-intensive investigation is able to elicit essential insights from human skeletal material that was previously supposed to be irrelevant to cultural and population history.

Keywords: Hamburg, human skeleton, demography, osteometrics, population relationships, epigenetics, paleopathology: fractures, arthritis, cribra orbitalia, teeth, caries, periodontal disease, dental abscess, dental calculus, vertebral diseases, spondylosis, spondylarthrosis, dissection of a skull, congenital syphilis and stiffened elbow joint
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